Galerie Trapp

Enrique Fuentes

"Winterreise"

Vernissage: Donnerstag, 16.06.2016, 19:00 Uhr


Einleitende Worte spricht Dr. Nikolaus Schaffer
Dauer der Ausstellung: 01.06. - 31.06.2016
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.


"Es ist überraschenderweise die Malerei eines gebürtigen Mexikaners, in der die Verbindung zwischen österreichischem Aktionismus, informeller Kunst und deutscher Romantik offensichtlich wird. Enrique Fuentes steht nicht zuletzt durch seine Mentoren Arnulf Rainer und Günter Brus der österreichischen Avantgarde nahe. Wenn bei Brus die physisch-psychische Zerfleischung in eine dämonisch-erotisch-kosmogonische Zeichenkunst umkippte, so ist bei dem mexikanischen Wahlwiener ein vergleichbares Phänomen zu beobachten: das Aufgehen einer wild um sich schlagenden malerischen Praxis in einer dem Schönheitskult der symbolistischen Malerei der europäischen Jahrhundertwende verwandten narkotisierenden Ästhetik, die Verwandlung des Schrecklichen in unwiderstehliche Schönheit."

(siehe Glanzvolle Nachtseiten. Dr. Nikolaus Schaffer im Katalog "Enrique Fuentes.Winterreise", Herausgeber: Galerie Trapp, Salzburg)


>> mehr zum Künstler Enrique Fuentes

Shop

Katalog / Werke online kaufen

Enrique Fuentes, Winterreise (VII), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 140 x 100cm
Enrique Fuentes
Winterreise (VII)

Enrique Fuentes, Winterreise (VI), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 40 x 30cm
Enrique Fuentes
Winterreise (VI)

Enrique Fuentes, Winterreise (XV), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 100 x 140cm
Enrique Fuentes
Winterreise (XV)

Enrique Fuentes, Winterreise (IX), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 100 x 140cm
Enrique Fuentes
Winterreise (IX)

Enrique Fuentes, Winterreise (III), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 100 x 140cm
Enrique Fuentes
Winterreise (III)

Enrique Fuentes, Winterreise (II), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 50 x 40cm
Enrique Fuentes
Winterreise (II)

Enrique Fuentes, Winterreise (V), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 50 x 40cm
Enrique Fuentes
Winterreise (V)

Enrique Fuentes, Winterreise (VII), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 40 x 50cm
Enrique Fuentes
Winterreise (VII)

Enrique Fuentes, Winterreise (VIII), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 40 x 30cm
Enrique Fuentes
Winterreise (VIII)

Enrique Fuentes, Winterreise (I), 2016, Öl und Pigmente auf Leinwand, 140 x 100cm
Enrique Fuentes
Winterreise (I)

Glanzvolle Nachtseiten

Text: Dr. Nikolaus Schaffer


Wo liegen die Grenzen zwischen Schönheit und Schrecken, zwischen Erschaudern und ästhetischem Empfinden? Die Künstler haben sich immer für diesen Grenzbereich interessiert und schon die alten Italiener prägten den Begriff Terrabilità, um die Überwältigung durch das Ungeheuerliche zu kennzeichnen. Extreme Pendelschläge haben in der Folge den einstmals als „erhaben“ empfundenen Schrecken um ganz andere Dimensionen des Kreatürlichen und Existenziellen erweitert, verbunden mit dem Versuch, den Rahmen ästhetischer Akzeptanz ebenso weit auszudehnen. Genauso wie eine Kunst, die sich in wohligem Behagen erschöpft, schal wird, haben aber auch Hässlichkeit, Tabubruch und Provokation bald ausgedient und sind für die Kunst uninteressant, wenn ein heilsames Gegengewicht fehlt oder gar nicht der Versuch unternommen wird, die auseinanderklaffenden Sphären kurzzuschließen.

Am weitesten, nämlich bis zu Exhibitionismus und Selbstzerstörung, wurden diese Grenzen vom Aktionismus ausgelotet, dessen Ursprünge in den Gefühlsemanationen der Romantik zu suchen sind. Auch die gestische Malerei lässt sich vielfach als auf die Fläche gebannte ultimative existentielle Entäußerung ansehen. Nachdem die europäische Kunsttradition seit den 1960er-Jahren von der amerikanischen Pop-art unterminiert wurde, die praktisch Kunst und Werbung gleichsetzt, kommt diesen aktionistischen Tendenzen als Gegenprinzip zu einer völligen Vereinnahmung durch die Konsumwelt erhöhte Bedeutung zu.

Es ist überraschenderweise die Malerei eines gebürtigen Mexikaners, in der die Verbindung zwischen österreichischem Aktionismus, informeller Kunst und deutscher Romantik offensichtlich wird. Enrique Fuentes steht nicht zuletzt durch seine Mentoren Arnulf Rainer und Günter Brus der österreichischen Avantgarde nahe. Wenn bei Brus die physisch-psychische Zerfleischung in eine dämonisch-erotisch-kosmogonische Zeichenkunst umkippte, so ist bei dem mexikanischen Wahlwiener ein vergleichbares Phänomen zu beobachten: das Aufgehen einer wild um sich schlagenden malerischen Praxis in einer dem Schönheitskult der symbolistischen Malerei der europäischen Jahrhundertwende verwandten narkotisierenden Ästhetik, die Verwandlung des Schrecklichen in unwiderstehliche Schönheit. Diese Narkose schwächt aber keineswegs den zugrundeliegenden expressiven Furor ab, hebt ihn nur auf eine andere, subtilere Wahrnehmungsebene. Auch das aktionistische Element – der vehemente Körpereinsatz, der dynamische Malvorgang - bleibt durch die betörenden Schleier hindurch spürbar.

Schließlich hat auch Franz Schubert extreme Gefühlslagen mit klanglichen Wonneschauern und irrlichternden Tremolos umkleidet. Auf Schubert, nämlich vor allem seine todesnahen, abgründigen Seelenlandschaften, welche Zustände der Vereinsamung und des Geworfenseins spiegeln, bezieht sich Fuentes nicht nur im Titel seines Zyklus. Dieser ist von einem durchwegs frostigen Atem erfüllt, durch den wohlige Schauer von transzendentem Leuchten rieseln. Man denkt an letzte Lichtvisionen von Sterbenden, an Nahtoderfahrungen. Fuentes scheut vor einer reichlichen Verwendung von Gold- und Silberglimmer nicht zurück – ein mutiger Materialeinsatz, haftet dem glänzenden Stoff doch seit dem Jugendstil das gewissermaßen unanständige Odium des Dekorativen, Opulenten an.

Der Künstler tritt zurück hinter das ebenso berückende wie schaudern machende Schauspiel von Natur- und übersinnlichen Kräften, in das er den Betrachter hineinzieht. Praktisch bedeutet das auch, dass er sich vom Zufall und den chemischen Prozessen, den Emulsionen und Verwerfungen der Malmaterie inspirieren lässt, die von allen Seiten sturzflutartig einströmt, explodiert, zerstiebt, Kraterlandschaften bildet und gewaltige Sogwirkungen auslöst.

In den großen Formaten lässt Fuentes die fantastisch brodelnden Angstgefilde, umnachteten Wüsteneien oder irisierenden Fata Morganen, in denen sich überzeugend der Eindruck von bewegter materieller Kostbarkeit mit der Suggestion psychischer Extremsituationen verbindet, für sich wirken. Nur in einem Bild erscheint ein schwarzes Gerippe als grausiges Menetekel. Auf den kleineren Formaten wird dieser Kunstgriff einer mit den Fingern gemalten Spukerscheinung zum dominierenden Element. Dort greift Fuentes noch auf eine ältere Schaffensphase zurück, die einem traditionellen Totenfest-Ritual seiner Heimat, dem makabren Kult um „La Catrina“, gewidmet war. Jetzt tauchte er in die Gefühlswelt der Romantik ein - die Kunst macht es eben möglich, dass geografisch und historisch weit auseinander liegende und scheinbar divergente Bezugspunkte einander wie selbstverständlich treffen können.